Niels Frevert

Putzlicht  

Joseph-Belli-Weg 5-9
78467 Konstanz

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Event organiser: Kulturladen Konstanz, Joseph-Belli-Weg 5, 78467 Konstanz, Deutschland

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Niels Frevert - „Paradies der gefälschten Dinge”
Red‘ nicht von Liebe, von Wahnsinn oder Schmerz. Lebe und
fühle, aber plapper nicht darüber. So könnte die Prämisse
lauten für das Schaffen von Niels Frevert, dessen Lieder
eigentlich von allem handeln, was das Leben großartig und
grausam macht, ohne dafür Pop-Superlativ-Phrasen
abzuspulen. Große Momente brauchen keine großen Gesten,
sie füllen auch so den Raum. Wenn sie denn wahr sind.
Das neue Album „Paradies der gefälschten Dinge” ist voll von
diesen wahren Momenten, die den Hörer überraschen und
überwältigen – eben weil sie sich nicht mit der üblichen
Emotionalisierungsrhetorik ankündigen. Weil die Songs oft über
den Umweg der Lüge und des Selbstbetrugs ins Innerste der
Wahrheit vorstoßen. Und weil sie aus dem Alltag und seiner
Sprache direkt in den Abgrund und seinem Schrecken führen.
Man höre nur das Lied „Muscheln“, das zu einer warmen
Tremolo-Gitarre erzählt, wie jemand Muscheln kauft und sich
vom Verkäufer den Rat geben lässt: „Lassen sie die Tasche
offen, damit die Tiere bekommen.“ Dann verunglückt der
Muschelkäufer mit dem Fahrrad, die Schalentiere liegen
verstreut auf der Straße und, jawohl: haben Luft. Frevert singt
derweil: „Und vom Himmel her seufzten die Geigen“. Der Ich-
Erzähler liegt nach dem Unfall im Krankenhaus und muss
künstlich beatmet werden. Ein Pop-Song, erzählt aus dem
Koma. Ja, das geht. Zumindest bei Niels Frevert.
Es sind eher die dunklen Momente, von denen er zu
leuchtenden Melodien berichtet. Etwa – in „Schwör‘“ – von
einem Anruf bei einem Freund, der in der Psychiatrie ist und
dem anderen das Versprechen abringt, dass er ihn spätestens
im Frühjahr rausholt. Frevert singt voller Inbrunst „Tsy-cha-trie“,
ein Wort das man in dieser Form und generell im Pop noch
nicht gehört hat. Und vom Studio-Himmel her seufzen nun
tatsächlich ganz real die Geigen.
Oder nehmen wir „UFO“, in dem scheinbar ein außerirdisches
Flugobjekt auf dem Dach des Hamburger Clubs Uebel &
Gefährlich landet, während gleichzeitig Besucher des
Kirchentags in der Stadt nach Zeichen spiritueller Verbindung
suchen. Was zuerst wie ein flottes Christen-Dissing im Drei-
Viertel-Takt klingen mag, macht im Text einen doppelten Boden
nach dem anderen auf und entwickelt sich zu einer dringlichen
Fragestellung: An was wollen wir glauben?
Vielleicht an die Liebe? Oje, vermintes Gelände. Man höre nur
das Lied „Das mit dem Glücklichsein ist relativ“: Da fällt der Ich-
Erzähler für einen Hochzeitsantrag vor seiner Freundin auf die
Knie und bekommt eben das ernüchternde Statement mit der
Relativität des Glücks hingeknallt. Alles relativ also?
Eben nicht. Aber „Paradies der gefälschten Dinge” ist nun mal
Popmusik für Erwachsene, da wirken die billigen
Illusionierungsmechanismen nicht mehr. Koma, Klapse und
andere Katastrophen: Frevert, Jahrgang 1967, beschreibt
Krisen, die im Erfahrungshorizont eines jeden Mittvierzigers auf
die eine oder andere Weise präsent sind. Und warum das
Unglück weglügen, wenn man die Wahrheit in so beglückende
Musik kleiden kann? Auf diesem Album jubilieren die Streicher,
die kunstvoll arrangierten Bläser spenden Energie. Und
mancher der verblassten, verwirrten und verführten Charaktere
in Freverts Liedern geht am Ende wieder aufrecht. „Paradies
der gefälschten Dinge” handelt vom Verlaufen und Nachhause
finden. Vom Auflösen und vom Rematerialisieren.
Auflösen und Rematerialisieren, das beschreibt auch die
außergewöhnlich gewundene künstlerische Laufbahn von Niels
Frevert ganz gut. Mit seiner Band Nationalgalerie spielte er
Rockmusik in ungestanzter deutscher Sprache, wild, frei und
voll grimmigem Witz. Doch leider wollte Anfang der neunziger
Jahre kaum jemand intelligenten deutschsprachigen Rock
hören. Vier Alben nahm die Band auf, sie wären heute allesamt
Bestseller. Das erste hieß „Heimatlos“, der Titel sollte
programmatisch für die Stellung Freverts im Musikbetrieb
werden. Obwohl aus Hamburg, obwohl deutsch singend,
obwohl Sprachklischees vermeidend: Mit der Hamburger
Schule hatte er nur sporadische Kontakt. Später stieß Frevert
auf andere Einzelgänger, die auf Deutsch ihre jeweils ganz
eigene Songkultur entwickelten, etwa auf den inzwischen
verstorbenen Nils Koppruch von Fink, Tom Liwa von den
Flowerpornoes oder Gisbert zu Knyphausen.
Kein Schulverbund, keine Rauchereckenkraftmeiereien: Das
macht einsam, aber auch frei. 2003 trat Frevert für viele ganz
unverhofft nach sechs Jahren Pause mit einem Album aus dem
Nebel des Vergessens, das deutschsprachiges Songwriting neu
definierte: „Seltsam öffne mich“ führte zu harten, aber doch
tastenden Rockriffs Worte in die Popmusik ein, die man zuvor
als Gefühls- und Hitkiller empfunden hat,
„Einwegfeuerzeugstichflamme“ etwa, oder „Tiefkühltruhe“.
Es folgten weitere eher sperrige Liedtitel, etwa „Baukran“ und
„Waschmaschine“ – aber da war schon wieder ein halbes
Jahrzehnt vergangen. Sie finden sich auf dem Album „Du
kannst mich an der Ecke rauslassen“ von 2008. Unglaublich,
mit welchem Sentiment Frevert Alltagsgegenstände auflud und
ihnen Magie abrang. Nicht unerheblich dafür mag die
kammermusikalische Extravaganz von „Du kannst mich an der
Ecke rauslassen“ gewesen sein. 2011, die Abstände zwischen
seinen Alben wurden endlich wieder kürzer, folgte „Zettel auf
dem Boden“, in der Frevert noch einmal lakonische
Beobachtungen und harmonische Pracht brillant
zusammenspielen ließ.
„Paradies der gefälschten Dinge”, Frevert-Album Nummer fünf,
markiert nun eine gewaltige Veränderung. Der Künstler
wechselte Plattenfirma und Konzertagentur. Gemixt wurden die
Aufnahmen diesmal von Olsen Involtini (Seeed, Peter Fox), der
mehr Opulenz, aber auch gewagtere Dynamik in den Sound
bringt. Großes Kino, das an Meilensteile des orchestralen Pop
erinnert - von den Walker Brothers zu den Tindersticks - und
Freverts Erkundungen falscher und echter Paradiese weite,
lichte Klangräume öffnet. So können die Lieder musikalisch und
lyrisch noch weitere Bögen schlagen, locken den Hörer noch
tiefer in fremdes Terrain, um ihn dort mit angenehmsten
Melodien und unangenehmsten Wahrheiten zu konfrontieren.
Eine Wendigkeit, die Frevert auch dem blinden Vertrauen und
stillen Verstehen seiner langjährigen musikalischen Begleiter
verdankt. Stephan Gade (Bass), Stefan Will (Piano) und Tim
Lorenz (Schlagzeug) sind klassisch ausgebildet; im Gegensatz
zu Frevert, der ist Autodiktat. Im Studio wird oft gewitzelt, auf
seinem Grab werde mal der Satz stehen: „Jazz war sein
Hobby“. Eine Anspielung auf die komplexen Akkordfolgen, die
er seinen Musikern abverlangt. Aber gerade darin liegt die
Schönheit und Gemeinheit dieses Werks: Die Akkorde führen
den Weg in unverhoffte Richtung, der Hörer wird reingezogen in
eine fremdartig schillernde Welt, in der er doch an jeder Ecke
auf eigene, möglicherweise Erfahrungen zurückgeworfen wird.
Auf einmal ist man dann eben mitten drin, in der Liebe, dem
Wahnsinn, der Weltverlorenheit. In diesem Paradies mit
doppelten Boden. Dieses Album wird Sie erst betören, dann
verstören. Und am Ende vielleicht sogar retten.

Location

Kulturladen Konstanz
Joseph-Belli-Weg 5
78467 Konstanz
Germany
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Der Kulturladen in Konstanz, kurz Kula genannt, ist ein soziokulturelles Zentrum im Herzen Konstanz. Getragen wird das Kula durch den gemeinnützigen Verein Kulturladen e.V, der sich seit über 30 Jahren um die kulturellen Bedürfnisse der Bodenseeregion kümmert.

Erstmalig eröffnet wurde der Kulturladen 1983 im ehemaligen Offizierscasino der Cherisykaserne. Anfänglich als Hobby einiger Musikfreunde gestartet, ist der Kulturladen heutzutage ein beliebter Club, der durch professionelle Strukturen schon längst fester Bestandteil der Konstanzer Clubszene geworden ist. In den Jahren 1995/96 erfolgte ein Umzug in neue Räume: der ehemalige Heizraum der Cherisykaserne bietet bis heute dem Kulturladen ein Zuhause. Nach dem Motto Qualität vor Quantität, können die Veranstalter stets Künstler für sich gewinnen, die sich weniger durch Massengeschmack als durch musikalische Qualität auszeichnen. So spielten bereits Rammstein, Fettes Brot oder La Brass Banda in den Räumlichkeiten des Kulturladens, noch bevor sie ihren kommerziellen Durchbruch feiern konnten. Der ehemalige Heizungskeller der Kaserne dient dabei als Veranstaltungssaal und bietet Platz für 500 Leute. Durch die multifunktionale Ausstattung ist der Raum flexibel einsetzbar.

Der Kulturladen Konstanz kann als selbstverwaltetes soziokulturelles Zentrum auf eine lange Geschichte zurückblicken. Ein Besuch im Kulturladen ist auf jeden Fall ein Muss!